Waldling

- Der Blog

Das Motiv eines Studenten, Medizin zu studieren, ist nur selten ein ethisches oder moralisches. -Klaus Zankl

Login
RSS
Impressum

Aussendienstler oder Psychologe?

Für meinen Job komm ich ja ziemlich rum. Wenn man im Aussendienst zu Privatkunden - 4 bis 8 Stück am Tag, 3 Tage die Woche - fährt um ihnen Internetanschlüsse zu installieren gehört das dazu. Meistens geht das ganz unspektakulär, es gibt die typischen Probleme, dass die Leute noch denken, dass Internet = Telefonbuchse ist, die Kunden die sich wundern, dass man erst etwas größere Umbaumaßnahmen vornehmen muss und ca. 2 Stunden benötigt und Kunden die das alles schonmal erlebt haben und jetzt nach ihrem Umzug das alles schon kennen und einen einfach machen lassen.
Dann gibt es aber auch Kunden die die Gelegenheit nutzen endlich jemanden im Haus zu haben, mit dem sie reden können.
Vor allem wenn die Kunden schon etwas älter sind ist neben dem eigentlichen Job auch noch das Fingerspitzengefühl als Therapeut gefragt. Sash schreibt immer wieder, dass Taxifahrern dieses Phänomen nicht fremd ist, das ganze lässt sich imo ausweiten auf alle Berufe, in denen man immer mal wieder länger als 15 Minuten Zeit hat mit den Leuten zu reden.

Letztens war ich in der Nähe von Freising in einer kleinen Ortschaft in einem Einfamilienhaus. Eine Rentnerin wollte für Ihren Enkel der sie des öfteren besucht einen Internetanschluss.
Angekommen wurde ich erst einmal auf einen Kaffee eingeladen, soweit so gut, einen Kaffee bekomme ich öfter, aber die Dame wollte wohl wirklich erst einmal mit mir zusammensitzen und mich kennenlernen, was ich dann doch recht zügig durch ein "ich muss aber wirklich den Anschluss messen sonst wird das nichts" abwiegeln konnte. Sie hat dann recht interessiert zugeschaut, während ich am arbeiten war, womit ich an sich ja auch kein Problem habe, aber die Tatsache, dass sie mich alle zwei Minuten gefragt hat, ob sie die Sicherungen rausdrehen soll hat mich doch etwas verwirrt.
Das einzige woran ich war war ja der Fernsehanschluss, das einzige bei dem tatsächlich Strom anliegt ist dort die Steckdose in der der Verstärker eingesteckt ist, also alles kein Problem...
Nunja mit der Zeit erfuhr ich, dass ihr Mann Elektriker war und der immer wenn er an Kabeln gearbeitet hat die Sicherung rausgedreht hat, sowas prägt anscheinend :D Irgedwann kam dann ihr Sohn und hat sie dazu gebracht ins Wohnzimmer zu gehen, schade eigentlich, ich fand die Geschichten über ihren Mann, das recht alte und gewachsende Haus usw. eigentlich recht nett neben dem Arbeiten. Es ist zwar immer etwas mühsam, alten Leuten deren Geschichten man nicht kennt soweit zu folgen, aber insgesamt eine nette Abwechslung neben der Arbeit, solange man nicht zu sehr abgelenkt ist.
Irgendwann war ich dann auch fertig, konnte alles soweit abschließen und wollte eigentlich in den Feierabend, aber sie bot mir noch einen Kaffee an (ich hielt mich ja immer für einen Junkie, aber die hat während den 2 Stunden die ich dort war 6 Tassen getrunken und schien den Rhythmus jeden Tag so durchhalten). Nachdem ich schon vorher allerlei Lebensgeschichten von ihr gehört hatte, es noch relativ früh war, ich nichts vorhatte und auch sonst nichts dagegen sprach, nahm ich an und unterhielt mich noch eine gute Stunde mit der Dame.
Sichtlich erleichtert, dass sie endlich mal erzählen konnte, ihr jemand zugehört hat und ich ihr auch erklären konnte, was das jetzt war was ich installiert habe (nicht genau, aber mit einigen Vergleichen und vereinfacht hat sies glaub ich verstanden) konnte ich sie dann verlassen. Neben einem guten Trinkgeld hat mir das das gute Gefühl gebracht, dass sie sich mal wieder alles von der Seele reden konnte und nebenher hab ich ein paar nette Geschichten über "damals" gehört, die einfach mal was neues zu den Geschichten der eigenen Großeltern sind, die man dann ja doch alle schon mal gehört hat...

Von waldling am 16.09.2012 Trackback